Wann Kinder teilen lernen – Verhaltensforschung zum Einstieg
http://www.faz.net/aktuell/wissen/mensch-gene/verhaltensforschung-wann-kinder-teilen-lernen-1682404.html

Kinder zwischen ein und drei Jahren identifizieren sich stark mit den Gegenständen, an denen sie hängen.
Wer ein Schmusetier im Arm hat, glaubt, der Teddy gehöre untrennbar zu ihm. Nimmt ihn jemand weg, fühlt sich das Kind selbst bedroht.
Erst mit etwa vier bis fünf Jahren können Kinder verstehen, was „sich abwechseln“ bedeutet und haben gelernt zu teilen.

Nun steht St. Martin vor der Tür. Ein Fest des Teilens und der Gerechtigkeit.
Martin von Tours wurde ein Heiliger nicht durch einen heldenhaften Tod, sondern durch ein heldenhaftes Leben. Er predigte Nächstenliebe und lebte nach diesem Prinzip. Legendär ist die Geschichte als er mitten im kalten Winter seinen Soldatenmantel mit einem Schwert durchschnitt, um eine Hälfte des Mantels einem armen Mann zu geben.
Wir wollen uns am heiligen Martin ein Beispiel nehmen und haben im Kollegium nach Wegen gesucht, bei denen mit Kindern das Teilen gelebt wird.

Teilen ist einer der wichtigsten Menschlichkeitswerte und ein Meilenstein im Sozialverhalten.

  • Wie lernen die Kinder das im Kindergartenalltag?
  • Wie ist der Umgang mit „Nicht-teilen-wollen“ im Kindergarten?
  • Was motiviert die Kleinen zum Teilen und Helfen, wie lässt sich ihre Bereitschaft dazu weiter fördern?

Darüber haben wir mit den Kolleginnen aus den Nezabudka Einrichtungen gesprochen.

Das Teilen im Kindergartenalltag ist nicht einfach. Nicht alle Kinder können von Anfang an teilen, wenn sie zu uns in die Einrichtung kommen.

Am Anfang halten die Kinder ihren Besitz in der Regel fest, denn sie wissen nicht, ob sie ihn ansonsten zurück erhalten. Die Kinder gehen davon aus, dass alle Spielsachen, mit denen sie beispielsweise morgens in der Krippe gespielt haben, ihnen gehören. Kinder im Alter zwischen 1 und 3 Jahren definieren sich stark über ihre Spielsachen.

Teilen ist eine soziale Fähigkeit, die jeder Mensch mühsam erlernen muss. Um den Wunsch zu verspüren, jemandem etwas abgeben zu wollen, muss man sich vorstellen können, was der Andere in dem Moment gerade fühlt (man muss sich in den anderen Menschen hineinversetzen können).

Unter Dreijährige sind durchaus in der Lage zu begreifen, dass bestimmte Verhaltensweisen, wie beispielsweise einem anderen Kind etwas wegnehmen, nicht erwünscht sind. Ein „Nein“ zu akzeptierenist Übungssache – und was machen wir wenn sich zwei Kinder um ein Spielzeug streiten? Wir warten erst einmal ab, ob die Kinder den Streit nicht selbst regeln können.

Kinder lernen voneinander, sie merken schnell, dass Teilen auch Vorteile nach sich zieht. Wenn ein Kind ein Spielzeug mit einem anderen Kind teilt, dann teilt dieses andere Kind vielleicht das nächste Mal auch mit ihm.

Wenn Kinder Besitz ergreifen und überhaupt nicht teilen wollen, gilt in unserer Einrichtung das „5- Minuten-Prinzip“: Jeder darf mit dem Spielzeug 5 Minuten lang spielen. Dazu wird eine große Sanduhr aufgestellt und wenn sie abgelaufen ist, ist der nächste dran.

Die sichtbare Freude von uns Erwachsenen, wenn die Kinder etwas miteinander geteilt haben,motiviert sie dazu, auch weiterhin teilen zu wollen.

Sankt Martin steht vor der Tür, dabei wird den Kindern noch einmal bewusst gemacht was Teilen ist und heißt.

Katja Kremer, stellvertretende Leiterin und Erziehern in der Krippe in Nezabudka 3


Ab dem dritten bis vierten Lebensjahr nimmt die Bereitschaft zu teilen zu, da dann ihr Einfühlungsvermögen weit genug entwickelt ist, und die Kinder merken dass sie nicht zu kurz kommen wenn sie teilen. Im Kindergarten lernen die Kinder voneinander z.B beim spielen die Rücksicht auf den anderen zu nehmen und zu teilen. Geht es meinem Freund nicht gut, da er weint und er traurig ist, gebe ich ihm mein Auto, weil ich es so gerne mag. Dann geht es ihm bestimmt besser. Haben die Kinder das Teilen im Elternhaus vorgelebt bekommen, fällt es ihnen leichter damit im Kindergarten umzugehen, da diese Situation für sie nicht mehr fremd ist.

Im Kindergarten geben wir den Kindern die Möglichkeit eine „Nicht-teilen-Situation“ erst selbst zu lösen. Meistens schaffen sie es auch, wenn einer älter als der andere ist. Gelingt es nicht, wird diese Situation gemeinsam besprochen. Wir fragen die Kinder was passiert ist, wie sie sich bei der Auseinandersetzung gefühlt haben. Oft kommen von den Kindern eigene kreative Vorschläge wie die Situation gelöst werden könnte. Es ist besonders wichtig über das Geschehene zu sprechen, damit sich die Kinder als ernstzunehmende Persönlichkeiten fühlen und sich somit das Einfühlungsvermögen stärkt und entwickelt.

Die Bereitschaft zu teilen und helfen sollte freiwillig entstehen. Meistens sind Kinder sehr hilfsbereit und freuen sich, wenn ihre Hilfe angenommen wird. Sie freuen sich bei einer bestimmten Aktivität z.B Kuchen backen mitwirken zu können und sind sehr stolz darauf. Wichtig ist hierbei ,dass jedes einzelne Kind die Möglichkeit erhält seine persönliche Fähigkeit zu teilen und zu kooperieren auszuprägen. Hierfür bieten sich vorallem alltägliche Situationen an, in denen das Teilen auf einer spielerische Art und Weise z.B Bobby Car fahren vermittelt wird. Auch die gemeinschaftlich durchgeführten Projekte zu Sankt Martin und Weihnachten zeigen den Kindern die Bedeutung des Teilens und der Rücksichtnahme.

Katja Cholkin, Erzieherin im Kindergarten in Nezabudka 4


In der Krippe birgt das Thema „Teilen“ großes Konfliktpotential. Ein Kind, das zuhause meistens alle Spielsachen für sich alleine haben kann, muss sich erst daran gewöhnen, dass die Spielsachen in der Gruppe für alle da sind.

Was die Konflikte noch verstärkt, ist die Tatsache, dass im Alter von ein bis zwei Jahren ein Gegenstand als Teil des Kindes selbst wahrgenommen wird, und wer möchte schon gerne einen Teil von sich selbst abgeben?

Hinzu kommt noch, dass ein Gegenstand umso interessanter wird, wenn ihn ein anderes Kind in der Hand hat.

Solche Konflikte begleiten wir sprachlich, wir versuchen, das Einfühlungsvermögen des Kindes zu entwickeln, indem wir z. B.erklären, warum das andere jetzt weint.

Auch durch Anregen von Tauschgeschäften bieten wir eine Lösungsmöglichkeit an.Deshalb ist es wichtig, dass es in der Krippe von einem Spielgegenstand immer mehrere gleichartige gibt.

Gegen Ende des dritten Lebensjahres sind die Kinder meist in der Lage, schon ab und zu selbst solche Tauschgeschäfte einzugehen und verstehen auch, dass man beispielsweise ein Buch auch zusammen anschauen kann.“

Ute Diemar, Erzieherin in der Krippe in Nezabudka 4



Unsere Mitarbeiter gehen mit dem Thema „Teilen“ altersgemäß um und stehen als kompetente und einfühlsame Vermittler den Kinder zur Seite. Alltägliche Situationen bieten genügend Anlässe um die Kinder dabei zu unterstützen und gemeinsam durchgeführte Projekte und Feste wie St. Martin sind dabei eine gute Gelegenheit die Bedeutung des Teilens durch Vorbilder zu zeigen.

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